Frank Wedekind (1864–1918) zählt zu den eigenwilligsten und modernsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Geboren in Hannover und geprägt von einem unsteten, von frühen Konflikten und künstlerischer Unabhängigkeit bestimmten Leben, fand er zunächst auf der Bühne und im Kabarett zu seiner literarischen Form. Als Dramatiker, Lyriker und Satiriker stellte er sich mit scharfer Beobachtungsgabe gegen bürgerliche Moralvorstellungen, Heuchelei und die Verdrängung von Sexualität, Macht und sozialer Doppelmoral. Seine Stücke und Gedichte zeichnen sich durch provokante Direktheit, psychologische Spannung und eine Mischung aus Groteske, Komik und Tragik aus. Wedekind gehört zu den Autoren, die früh Fragen nach Geschlechterrollen, Erziehung, Begierde und gesellschaftlicher Kontrolle ins Zentrum rückten und damit Themen verhandelten, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Gerade seine schonungslose Kritik an einer Gesellschaft, die Freiheit predigt und Unterdrückung praktiziert, spricht auch heutige Leser an, weil sie Mechanismen sichtbar macht, die in veränderter Form weiterwirken. Sein Werk hat das moderne Drama nachhaltig beeinflusst und den Weg für eine offenere, tabulosere Literatur bereitet. Wer sich für literarische Grenzgänge, gesellschaftliche Konflikte und die Entstehung der Moderne interessiert, wird an Wedekind besonders viel gewinnen.